Das hintere Kreuzband: Die unterschätzte Verletzung – Anatomie, Diagnostik und Therapie
Wenn von Kreuzbandverletzungen die Rede ist, denken die meisten Menschen sofort an den vorderen Kreuzbandriss. Das hintere Kreuzband (Ligamentum cruciatum posterius, PCL) führt dagegen ein Schattendasein, obwohl seine Verletzung klinisch ebenso bedeutsam ist. Genau diese geringere Bekanntheit führt häufig zu verzögerten oder fehlerhaften Diagnosen.
Anatomie und Funktion des hinteren Kreuzbandes
Das hintere Kreuzband ist das kräftigere der beiden Kreuzbänder im Kniegelenk. Es entspringt an der medialen Fläche des medialen Femurkondylus und zieht zur Area intercondylaris posterior der Tibia. Funktionell verhindert es die Rückwärtsbewegung (posteriore Translation) der Tibia gegenüber dem Femur. Das HKB ist deutlich kräftiger und besser durchblutet als das vordere Kreuzband – mit direkten Konsequenzen für Therapie und Prognose.
Verletzungsmechanismus
Das klassische Dashboard-Trauma
Der historisch bekannteste Mechanismus ist der direkte Anprall des Schienbeins an einem festen Widerstand bei gebeugtem Knie – etwa beim Autounfall. Die Tibia wird dabei abrupt nach hinten gedrückt, was zur Überdehnung oder Ruptur des HKB führt.
Sportverletzungen
Im Sport entstehen HKB-Verletzungen häufig durch einen Sturz auf das gebeugte, plantarflektierte Knie – etwa beim American Football oder Rugby. Auch eine forcierte Hyperextension kann zur HKB-Verletzung führen.
Kombinationsverletzungen
Bei Hochenergietraumata tritt das HKB häufig in Kombination mit anderen Strukturen verletzt auf: dem posterolateralen Eck, dem Außenband oder sogar in Form einer Knieluxation mit Mehrfachbandverletzung.
Symptome: Warum die Diagnose oft verzögert gestellt wird
Im Gegensatz zum vorderen Kreuzbandriss verläuft die akute Symptomatik der HKB-Verletzung häufig weniger dramatisch. Ein lautes Knackgeräusch fehlt meist, die Schwellung ist geringer ausgeprägt, und viele Patienten berichten lediglich von einem diffusen Druckgefühl in der Kniekehle.
Besonders typisch ist eine subjektive Instabilität beim Bergabgehen oder Treppenabwärtsgehen – ein Symptom, das leicht als allgemeine Knieschwäche fehlgedeutet wird. Diese Unauffälligkeit führt dazu, dass viele HKB-Verletzungen erst im chronischen Stadium erkannt werden.
Diagnostik
Klinische Untersuchung
Der wichtigste klinische Test ist der posteriore Schubladentest: Bei 90 Grad gebeugtem Knie wird die Tibia nach hinten gedrückt – ein vermehrtes Zurückgleiten weist auf eine HKB-Insuffizienz hin. Der Sag-Test ist ebenfalls aussagekräftig.
Bildgebung
Das MRT bestätigt die Diagnose mit hoher Sensitivität und erlaubt gleichzeitig die Beurteilung von Begleitverletzungen – insbesondere am posterolateralen Eck.
Behandlung
Konservative Therapie
Isolierte HKB-Verletzungen – insbesondere Grad I und II – heilen häufig unter konservativer Therapie zufriedenstellend. Die bessere Durchblutung begünstigt die natürliche Heilung. Die Behandlung umfasst eine initiale Ruhigstellung mit PCL-Orthese und gezieltes Quadrizepstraining.
Operative Rekonstruktion
Eine Operation wird bei kompletten Rupturen mit relevanter Instabilität (Grad III), bei Kombinationsverletzungen, bei knöchernen Ausrissverletzungen sowie bei anhaltender symptomatischer Instabilität trotz konservativer Therapie erwogen.
Das Wichtigste auf einen Blick
– Das HKB verhindert die Rückwärtsbewegung der Tibia gegenüber dem Femur
– Typischer Mechanismus: Dashboard-Trauma, Sturz auf gebeugtes Knie
– Symptome oft unspezifisch – diffuses Druckgefühl statt klarem Schmerz
– Isolierte Verletzungen heilen häufig konservativ
– OP bei Instabilität, Begleitverletzungen oder Therapieresistenz
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